E. Schillebeeckx, Die eucharistische Gegenwart, 54f
Mittwoch, 30. Dezember 2015
Horizontales, essbares Entgegenkommen des Ewigen
"Die spezifisch katholische Auffassung von der Offenbarrung und somit von der ganzen Heilsökonomie liegt ja gerade darin, dass mir die Gnade selbst in historischer Sichtbarkeit auf der horizontalen Ebene unserer Menschengeschichte (und, darin aufgenommen, des Kosmos oder der leiblichen Welt) und nicht bloß wie in einem vertikalen Regenfall oder Tau vom Himmel entgegentritt. Das Himmlische – die Gnade – tritt uns aus der Welt, aus der Menschengeschichte mit ihrer weltlichen "Umwelt" entgegen. Die persönliche, gnadenvolle Beziehung zu Gott ist zugleich eine Beziehung mit der Mitmenschlichkeit und somit eine Ausrichtung auf die weltliche Welt. In einem kosmischen Stück Brot werde ich von Christus in der Eucharistie begnadet. Aber der begnadende Akt der Selbstgabe eben im konsektrierten Brot und durch das konsekrierte Brot hat ein schöpferisches Moment, in erster Linie nicht im Hinblick auf mich selbst, sondern in erster Linie in der Gabe dieses Brotes als sakramentaler Selbstgabe Christi – aufgrund dessen ist dieses Brot in seiner höchsten Realität schlechthin kein Brot mehr - und dann durch mein gläubiges Kommunizieren auch in mir selbst. Die leiblicher Tätigkeit des Essens ist deshalb (selbstverständlich für den Gläubigen) eine Heilstätigkeit. Die kosmische Wirklichkeit steht nicht außerhalb dieses Gnadenprozesses oder wird in diesen nicht nur durch ein außerhalb bleibendes Wort Gottes einbezogen; das Brot selbst ist die hier dargereichte Gnade: d.h. Christus selbst in sakramentaler Essbarkeit als Opferspeise, als Nahrung für den ganzen Menschen. Die weltliche Welt selbst wird innerlich in diese Selbstschenkung Christi einbezogen und nimmt dadurch – und hier liegt meines Erachtens die tiefste Bedeutung des tridentinischen Dogmas von der Transsubstantiation (deren Bedeutung für mich hier und jetzt wir erst im folgenden Kapitel analysieren werden) – schon teil an der eschatologischen Situation der verherrlichten Leiblichkeit, die entitativ vergöttlicht sein wird. Aber wir befinden uns noch in dem zusammen bestehenden "schon jetzt" und doch "noch nicht", das die Heilszeit zwischen der Auferstehung und der Parusie kennzeichnet. Deshalb gehören das konsekrierte Brot und in ihrer neuen Bedeutung als "neue Schöpfung" der Heilsordnung, doch auch noch "dieser alten Welt" an. Aus diesem Grunde umfasst die Transsubstantiation zwei Dimensionen: zwar Seinsverwandlung des Brotes und des Weines (in denen ja durch den Heiligen Geist der verherrlichte, lebendigmachende Leib Christi real dargeboten wird), aber innerhalb der irdischen, aber jetzt (durch die Seinsverwandlung) sakramentalen Gestalt von Brot und Wein, die in dieser weltlichen Welt den irdischen Gesetzen des Leiblichen (d.h.hier: dieses pflanzenartigen Kulturprodukts, das wir im täglichen Leben als Brot essen und als Wein trinken) unterworfen bleiben. Zwei Dimensionen ein und derselben ungeteilten Realität. Das ist eben der Kern des Dogmas."
Samstag, 31. Oktober 2015
Reformation der Reformation der Welt
"Die Schlussfolgerung ist sehr einfach. Dieses Gebilde Abendland muss, da es wesentlich christlich ist, entweder christlich genährt, also wieder christlich werden – oder es wird zugrunde gehen. Kein Organismus kann leben, wenn seine Wurzeln nicht seiner Art gemäß genährt werden. Umwandlungen geschichtlicher Struktur haben noch immer ihre Grenze an den Wesenskomponenten der historischen Gebilde gefunden. Wo das innere Gesetz eines historischen Wesens angetastet wurde,folgte der Untergang. Rodin hat es so ausgedrückt: "Der Glaube hat uns Barbaren zivilisiert, durch unseren Unglauben sind wir wieder Barbaren geworden." Durch den Unglauben wird das innerste Formgesetz der abendländischen Menschheit zerstört."
Joseph Lortz, Wie kam es zur Reformation, 1950
Freitag, 21. August 2015
Ad cardinalem Müller
"Diese Hinweise könnten entwickelt und vertieft werden. Gute Dinge lassen sich schwer handhaben, und nichts ist schwieriger zu handhaben als die Moral, besonders seitdem sie in so vielen Köpfen kantisch geworden ist, die es selber nicht einmal merken, und seitdem sie sich von der Natur getrennt hat (die sie den Regeln der Vernunft zu unterwerfen hat und die gleichwohl, insoweit sie auf das ewige Gesetz zurückgeht, selber den Maßstab für die Vernunft abgibt). Sie kann großes Unglück herbeiführen, wenn sie, anstatt von innen her auf die lebendige Bewegung einzuwirken, mit der die Ziele des menschlichen Lebens verfolgt werden, dies von außen her versucht, das heißt schließlich dadurch, dass sie dann einer amoralischen Lebensbewegung lebensferne moralische Regeln aufzwingt. Sie kann großes Unglück im Leben der Völker herbeiführen, wenn sie, anstatt von innen her auf die Politik einzuwirken, dies von außen her versucht, das heißt schließlich dadurch, dass sie dann einer Politik unpolitische moralische Regeln aufzwingt."
Jacques Maritain, Der integrale Humanismus, Der Gebrauch der Moral, 174
Jacques Maritain, Der integrale Humanismus, Der Gebrauch der Moral, 174
Sonntag, 16. August 2015
one world - Eine Welt
"Die Auslandsverschuldung der armen Länder ist zu einem Kontrollinstrument geworden, das Gleiche gilt aber nicht für die ökologische Schuld. Auf verschiedene Weise versorgen die weniger entwickelten Völker, wo sich die bedeutendsten Reserven der Biosphäre befinden, weiter die Entwicklung der reichsten Länder, auf Kosten ihrer eigenen Gegenwart und Zukunft. Der Erdboden der Armen im Süden ist fruchtbar und wenig umweltgeschädigt, doch in den Besitz dieser Güter und Ressourcen zu gelangen, um ihre Lebensbedürfnisse zu befriedigen, ist ihnen verwehrt durch ein strukturell perverses System von kommerziellen Beziehungen und Eigentumsverhältnissen. Es ist notwendig, dass die entwickelten Länder zur Lösung dieser Schuld beitragen, indem sie den Konsum nicht erneuerbarer Energie in bedeutendem Maß einschränken und Hilfsmittel in die am meisten bedürftigen Länder bringen, um politische Konzepte und Programme für eine nachhaltige Entwicklung zu unterstützen. Die ärmsten Regionen und Länder besitzen weniger Möglichkeiten, neue Modelle zur Reduzierung der Umweltbelastung anzuwenden, denn sie haben nicht die Qualifikation, um die notwendigen Verfahren zu entwickeln, und können die Kosten nicht abdecken. Darum muss man deutlich im Bewusstsein behalten, dass es im Klimawandel diversifizierte Verantwortlichkeiten gibt, und sich – wie die Bischöfe der Vereinigten Staaten sagten – entsprechend "besonders auf die Bedürfnisse der Armen, der Schwachen und der Verletzten konzentrieren, in einer Debatte, die oftmals von den mächtigeren Interessen beherrscht ist". Wir müssen uns stärker bewusst machen, dass wir eine einzige Menschheitsfamilie sind. Es gibt keine politischen oder sozialen Grenzen und Barrieren, die uns erlauben, uns zu isolieren, und aus eben diesem Grund auch keinen Raum für die Globalisierung der Gleichgültigkeit."
Papst Fanziskus, Laudato si, Über die Sorge für das gemeinsame Haus, 52
Freitag, 14. August 2015
Ad synodam tremendum magnum
"Wir möchten immer beruhigt sein und fürchten jedes Befremden. Darum bauen uns eine kleinliche Religion nach unserem kleinlichen Format. Die Paradoxe des Evangeliums sind uns ein zu starker Wein; wir verstopfen die Ohren vor dem großen befreienden Anruf. Entmutigt bleiben wir vor den Todespforten stehen, die der einzige Zugang zum Leben sind. In unserer Verzagtheit überlassen wir das Neue und Freie des Christlichen denen, die es verdrehen, und selbst das wird uns zum Vorwand, uns noch mehr zu entfremden. Wie Parasiten darin eingebohrt, aber ohne seinen Saft in uns überströmen zu lassen, fälschen wir das Christentum in den Augen derer, für die wir es repräsentieren. Indem wir es in den Dienst des weltlichsten Menschen stellen, berauben wir es seiner höchsten Bezauberungsmacht und sind schuld an seiner Verhöhnung.
Das ist die Kirchengeschichte aller Jahrhunderte. Das ist, o Gott, wir geben uns zu, unsere Alltagsgeschichte. Wie kommt es, dass trotz allem, o Wunder, ein paar Strahlen Lichts durchsickern?"
Henri de Lubac, Glaubensparadoxe
Freitag, 24. Juli 2015
In der Situation handeln
"Eine Pastoral, die den Wegcharakter der sittlichen Reifung anerkennt, muss versuchen, den Sinngehalt von Normen zu vermitteln und so die Menschen zu befähigen, sich die Werte, die durch Normen geschützt werden, durch persönliche SinnEinsichten anzueignen. Erst dann werden auch kirchliche Normen nicht mehr als lebensfremd oder als unerreichbares Ideal erfahren werden. So sehr das Anliegen des Lehramtes berechtigt ist, die objektive Dimension des sittlich Guten und Richtigen zu schützen, kann eine objektive Norm dann doch nicht die Gewissensentscheidung des Einzelnen ersetzen. Diese Lehre zieht sich übrigens wie ein roter Faden durch die gesamte moraltheologische Tradition. Seit Thomas von Aquin ist die Unterscheidung zwischen dem Urgewissen (synderesis) und dem Situationsgewissen (syneidesis, consciencia) gängig. Das Urgewissen ist ein unfehlbares Bewusstsein und Wissen darum, dass das Gute zu tun und das Böse zu meiden ist, während das Situationsgewissen in einer konkreten Handlungs- und Entscheidungssituation die aktuelle Verwirklichung dessen zu leisten hat, was als sittlich gut und richtig erkannt worden ist. In diesem Prozess der konkreten Verwirklichung dessen, was man als gut erkannt hat oder wenigstens erkannt zu haben glaubt, so Thomas von Aquin, ist das Situationsgewissen anfällig für Fehler. Dennoch ist man auch dem irrigen Gewissen verpflichtet, wenn der Irrtum nicht erkannt wird und Gewissenszweifel behoben sind. Deshalb bleibt das Subjekt verpflichtet, nach dem sittlich Richtigen zu suchen, es zu erkennen und ihm gemäß zu urteilen. Bleibt dies aus beziehungsweise bemüht sich jemand zu wenig um die sittliche Einsicht, kann er dadurch schuldig werden, auch wenn der angehalten bleibt, dem konkreten Gewissensurteil zu folgen. Für den Einzelnen bleibt das Gewissen die letzte Instanz, in der er ein sittliches Urteil fällt, auch wenn die oberste Instanz die objektive Wahrheit ist. An ihr misst sich, ob sich jemand in seinem Gewissensurteil irrt oder nicht. Als letzte Instanz jedoch verpflichtet das Gewissen immer, so dass man immer gut handelt, wenn man dem eigenen Gewissensspruch folgt: "Es ist nie Schuld, der gewonnenen Überzeugung zu folgen – man muss es sogar." (J. Ratzinger, Werte in Zeiten des Umbruchs, 120) In diesem Sinne betont auch Johannes Paul II., dass nicht eine Norm, sondern das Gewissen das letzte konkrete Urteil darstellt. Zudem ist zu bedenken, dass – besonders im Verständnis des Gehorsams im Glauben – zwischen Glaubens- und Sittenlehre ein Unterschied zu machen ist und dass es bester theologischer Tradition entspricht, dass ein Christ nach reiflicher Prüfung und einem religiös bestimmten Eingehen auf Lehraussagen im Bereich der Sittenlehre zu einem von kirchlichem Lehramt abweichenden Urteil kommen kann und diesem auch folgen darf. Auf diesem Hintergrund ist es problematisch, in solchen Fällen von vornherein einen Akt des Ungehorsams oder ein irriges – und zudem noch überwindlich irriges – Gewissensurteil anzunehmen."
Den Eros entgiften, Martin M. Lindner, 82f.
Montag, 1. Juni 2015
Magic
"Größe erfordert Überfluss und Armut zugleich. Nichts Großes geschieht ohne einen gewissen Überfluss, alles Große geschieht durch eine gewisse Armut. Kann man überhaupt etwas vom menschlichen Leben verstehen, wenn man nicht damit beginnt zu verstehen, dass die Armut immer in Größe überfliesst? Das tragische Gesetz – nicht der menschlichen Natur, sondern der Sünde des Menschen – bewirkt, dass die Armut der einen den Überfluss der anderen schafft: Armut mit Not und Sklaverei, Überfluss mit Lust und Stolz. Dieses Gesetz der Sünde darf man nicht hinnehmen: Man muss es bekämpfen. Es entspricht der Natur, und wir müssen es in der Gesellschaftsordnung von den neuen Formen in der Zivilisation fordern: dass die Armut eines jeden (nicht Mangel oder Not! sondern Genügsamkeit und Freiheit, Verzicht auf den Geist des Reichtums, Frohsinn der Lilie auf den Feldern), dass eine gewisse private Armut den gemeinsamen Überfluss schafft, die Überfülle, den Luxus, den Ruhm für alle."
Jacques Maritain, Christlicher Humanismus, 150
Jacques Maritain, Christlicher Humanismus, 150
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